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Grundlagen einer Ökologischen Infrastruktur im alpinen Raum des Kantons Bern
Pilotstudie im Auftrag des Kantons Bern
Die Fachplanung einer Ökologischen Infrastruktur soll spezifischer auf die Bedürfnisse des alpinen Raums eingehen. Diese Pilotstudie synthetisiert die methodischen Anforderungen und erarbeitet darauf aufbauend mögliche methodische Verbesserungen im Kanton Bern.
Nategra•www.nategra.ch
Lukas Mathys (Nategra GmbH) & Barbara Schlup (Hintermann & Weber AG)Version 0.3•Publikation 1.12.2025•Applikation 0.3
Ausgangslage
Die Kantone erarbeiten derzeit Fachplanungen für den Betrieb, den Ausbau und die Ergänzung einer Ökologischen Infrastruktur (ÖI). Als fachlicher Orientierungsrahmen dient die Arbeitshilfe ÖI des Bundesamts für Umwelt.1 Sie empfiehlt, die Planungen flächendeckend durchzuführen, um eine koordinierte und sektorübergreifende Umsetzung sicherzustellen.
Die Alpen bilden eines der grössten zusammenhängenden Gebirge Europas und prägen die Landschaft der Schweiz wesentlich. Die alpinen Regionen weisen aufgrund der ausgeprägten Topografie und der damit verbundenen klimatischen Bedingungen eine bemerkenswerte Vielfalt an Lebensräumen und Arten auf (Abbildung 1), darunter zahlreiche endemische und bedrohte.2 3 Für den Wasserhaushalt der Schweiz und Europas sind die Alpen von zentraler Bedeutung. Sie stellen damit sowohl ein wichtiges Gebiet für die Biodiversität als auch einen bedeutenden Wohn-, Arbeits- und Wirtschaftsraum dar.4
Die alpinen Räume tragen deshalb auch eine grosse Verantwortung für die Biodiversität der Schweiz sowohl auf der Ebene der Arten (Abbildung 2) als auch der Biotope (Abbildung 3).5
Gleichzeitig stehen die Alpen vor erheblichen Herausforderungen, insbesondere durch den Klimawandel, den Strukturwandel und den zunehmenden Nutzungsdruck. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Planung einer ökologischen Infrastruktur, welche die Biodiversität sowie die ökologischen Funktionen der alpinen Räume langfristig sichert, erst recht an Bedeutung.
Obwohl die Bedeutung der alpinen Räume sowohl allgemein6 als auch spezifisch im Kontext der Ökologischen Infrastruktur Schweiz7 ausgewiesen ist, lag der Schwerpunkt der bisherigen Fachplanungen ÖI weitgehend auf den intensiv genutzten Talgebieten. Dort ist der Druck auf die verbleibenden ökologisch wertvollen Flächen besonders hoch, weshalb sich die Fachplanungen auf diese Räume konzentrierten.
Für diese Talregionen – geprägt durch Siedlungsentwicklung, Landwirtschaft und industrielle Nutzung – stehen etablierte Konzepte, Methoden und Datengrundlagen zur Verfügung. Demgegenüber fehlen für die alpinen Räume bislang spezifische Ansätze, die den besonderen Anforderungen und Herausforderungen dieser sensiblen Gebiete gerecht werden.
Im Kanton Bern spielen die alpinen Räume nicht nur flächenmässig, sondern auch hinsichtlich ihrer ökologischen Bedeutung eine zentrale Rolle. Viele der ökologisch relevanten Restareale befinden sich in voralpinen und alpinen Regionen. Daher ist es wichtig, die bestehenden konzeptionellen und methodischen Lücken zu schliessen, um auch in den alpinen Gebieten des Kantons eine langfristige und angemessene Sicherung der Ökologischen Infrastruktur zu gewährleisten.
Diese Studie untersucht, inwiefern bewährte Konzepte und Methoden der Fachplanung ÖI auf alpine Räume übertragen werden können und welche spezifischen Anpassungen oder Ergänzungen dafür erforderlich sind. Ziel ist es, in einer Pilotregion die methodischen und organisatorischen Grundlagen für eine kantonsweite Aktualisierung der ÖI für ausgewählte alpine Lebensräume vorzubereiten.
Der vorliegende Studienbericht definiert zunächst den konzeptionellen Rahmen und fasst die Anforderungen an eine ÖI in den alpinen Räumen zusammen. Darauf aufbauend wird geprüft, welche bestehenden Methoden und Datensätze diese Anforderungen bereits abdecken und wo weiterhin Lücken bestehen. Anschliessend werden methodische Ansätze untersucht, um diese Lücken zu schliessen und die Datengrundlagen für die Planung einer Ökologischen Infrastruktur in den alpinen Regionen zu verbessern. Abschliessend wird ein methodisches Vorgehen für eine kantonsweite Aktualisierung der ÖI-Grundlagen unter besonderer Berücksichtigung der alpinen Räume im Kanton Bern vorgeschlagen.
Konzepte
Der konzeptionelle Rahmen für diese Studie ist im Folgenden als konzeptionelle Modelle8 dargestellt.
Ökologische Infrastruktur
Die ÖI des alpinen Raums ist sowohl funktional als auch administrativ Teil der Ökologischen Infrastruktur Schweiz. Es gibt kein Management einer ÖI Alpen. Um den spezifischen Anforderungen der alpinen Gebiete gerecht zu werden, muss sie in den übergeordneten nationalen Rahmen eingebettet sein. Der konzeptionelle Rahmen dieser Pilotstudie stützt sich daher auf das von Nategra entwickelte ‘Konzeptionelle Modell Ökologische Infrastruktur Schweiz’, das im folgenden Objektdiagramm dargestellt ist (Abbildung 4).
Das konzeptionelle Modell der ÖI unterscheidet drei Ebenen. Das Fundament bilden die ökologischen Grundlagen, welche die zentralen Elemente der Biodiversität abbilden. Diese Objekte müssen geplant, umgesetzt und kontinuierlich überwacht werden.
Darüber liegen zwei Managementebenen. Direkt über den ökologischen Grundlagen befindet sich das kantonale Management der ÖI, das der operativen Managementebene entspricht. Die Kantone sind für den Betrieb, den Ausbau und die Ergänzung der ÖI zuständig. Sie planen die ÖI und setzen sie mit geeigneten Instrumenten um. Auf dieser Ebene liegen auch die Verantwortlichkeiten für die Kern- und Vernetzungsgebiete innerhalb des jeweiligen Kantons.
Die oberste Ebene bildet das strategische Management, das die übergeordneten Ziele und Massnahmen der ÖI festlegt. Diese Ebene ist national verankert und definiert die Rahmenbedingungen für die kantonale Umsetzung. Der Bund stellt sicher, dass eine ÖI Schweiz aufgebaut ist und sich gemäss den Vorgaben der Strategie Biodiversität Schweiz9 und des dazugehörigen Aktionsplans10 weiterentwickelt.
Die Pilotstudie untersucht die Erfassung der Biodiversität in den Alpen und konzentriert sich daher auf die fundamentale Ebene der ökologischen Grundlagen, konkret auf:
- die Gilden mit ihren zugehörigen Arten,
- die entsprechend genutzten Lebensräume sowie
- die diese prägenden Umweltbedingungen.
Die beiden Managementebenen stehen nicht im Fokus der Pilotstudie. Es wird davon ausgegangen, dass die bestehenden Konzepte und Methoden der Fachplanung ÖI grundsätzlich auf die alpinen Räume übertragbar sind und dass allfällige Anpassungen oder Ergänzungen für diese sensiblen Gebiete in einem späteren Schritt erfolgen.
Umweltbedingungen
Im ökologischen Kontext bezeichnet der alpine Raum ein geografisches Gebiet, das sich primär durch spezifische Umweltbedingungen auszeichnet. Für die vorliegende Untersuchung reduziert sich das konzeptionelle Modell der ÖI daher auf diese charakteristischen Umweltbedingungen der Alpen. Sie bestimmen, welche alpinen Lebensräume entstehen können und welche alpinen Gilden diese Lebensräume bilden beziehungsweise nutzen.
Alpine Umweltbedingungen sind generell stark vom Gelände geprägt. Denn Höhenunterschiede liegen räumlich näher beieinander. In der Folge sind Umweltgradienten, die im Flachland über weite Strecken verlaufen, im alpinen Gelände oft steil und wechseln sich häufig ab (Abbildung 38). Dadurch entsteht eine vielfältiges Mosaik verschiedener Umwelt- und damit Lebensbedingungen.11
Die Pilotstudie untersucht somit, wodurch sich die Umweltbedingungen in alpinen Räumen von denen im Mittelland unterscheiden und wie diese Unterschiede in der ökologischen Infrastruktur abgebildet werden sollten.
Alpine Gilden und Lebensräume
Konzeptionell sind die alpinen Lebensräume und Gilden Teil der gesamtschweizerischen Vielfalt an Lebensräumen und Gilden (Abbildung 6).
Die Pilotstudie untersucht somit, inwieweit die bestehenden Lebensräume und Gilden der ÖI die spezifischen Anforderungen der alpinen Räume bereits abdecken und welche zusätzlichen alpinen Lebensräume und Gilden für die Fachplanung einer Ökologischen Infrastruktur in den Alpen berücksichtigt werden müssen.
Anforderungen
Eine Erweiterungen ÖI Alpen (Kapitel 1) ist folglich eingebettet in den erläuterten konzeptionellen Rahmen (Kapitel 2) und hat den an den alpinen Raum gestellten Anforderungen aus ökologsicher Sicht gerecht zu werden. Diese Anforderungen sind folgend dokumentiert.
Klar definierte Anforderungen an die ÖI sind hauptsächlich an sektoralen Landschaftsbereichen wie Naturschutz, Siedlung, Land- und Forstwirtschaft oder Verkehr ausgerichtet. Für diese Bereiche bestehen konkrete Vorgaben, die im Rahmen der Fachplanung ÖI umzusetzen sind. Im Gegensatz dazu stellt der alpine Raum einen geografischen Raum dar. Entsprechend sind die Anforderungen in der Regel nur allgemein formuliert. Spezifische Anforderungen ergeben sich hauptsächlich indirekt aus den für den alpinen Raum relevanten sektoralen Bereichen.
Die Strategie Biodiversität Schweiz betont in Kapitel ‘4.1 Ökosysteme und Lebensräume’ die zentrale Bedeutung der Alpen für die Biodiversität der Schweiz. In den strategischen Zielen werden die alpinen Gebiete jedoch nicht als eigener Bereich aufgeführt, sondern erscheinen indirekt in den Themenfeldern Raumplanung, Waldwirtschaft, Landwirtschaft, Jagd und Fischerei sowie Tourismus.
Das aktualisierte Landschaftskonzept Schweiz12 formuliert allgemein:
Ziel 11: Hochalpine Landschaften – Natürlichkeit erhalten:
Die hochalpinen Landschaften behalten ihren natürlichen Charakter und ermöglichen das Erleben von Natur und Landschaft. Die Entwicklungsdynamik kann natürlich ablaufen, soweit nicht volkswirtschaftlich wichtige Infrastrukturen oder Siedlungen bedroht werden. Eingriffe sind bezüglich ihrer Platzierung, Dimensionierung und Materialisierung optimiert und tragen hohen gestalterischen Ansprüchen Rechnung.
(LKS 2020)
Leistungen
Die Anforderungen an eine Ökologische Infrastruktur im alpinen Raum leiten sich aus den Leistungen ab, die alpine Ökosysteme für Biodiversität, Landschaft und Gesellschaft erbringen. Im Folgenden werden jene Leistungen beschrieben, die im alpinen Raum besonders relevant sind und für die Fachplanung ÖI berücksichtigt werden müssen. Kulturelle und landschaftliche Leistungen spielen im Alpenraum eine wichtige Rolle, werden aber für eine ÖI nicht betrachtet.
Erhaltung der Biodiversität
Schutz gefährdeter Arten: Alpine Lebensräume beherbergen zahlreiche endemische und bedrohte Arten, die besondere Schutzmassnahmen erfordern. Die Fachplanung muss sicherstellen, dass diese Arten erhalten bleiben und ihre Lebensräume nicht weiter fragmentiert werden. Für viele Arten sind die alpinen Räume als wichtige Rückzusgebiete geworden und leisten damit einen zentralen Beitrag zur nationalen Biodiversität. Der reine Arteschutz gehört nicht zu den Kernaufgaben der ÖI, sondern läuft koordiniert dazu. Für die Beurteilung ihrer ökologischen Situation ist zudem nicht allein der heutige Zustand massgebend, sondern auch der ursprüngliche, weitgehend natürliche Zustand. Dies zeigt sich beispielsweise an der starken Verbreitung der Fichte in den Voralpen, die wesentlich durch historische Nutzungsänderungen beeinflusst wurde.
Vernetzung von Lebensräumen: Die Vernetzung isolierter Lebensräume ist entscheidend für den genetischen Austausch und die langfristige Überlebensfähigkeit von Populationen. Entsprechende Korridore sind zu erhalten oder wiederherzustellen.
Erhalt von Speziallebensräumen und Endemiten: Charakteristische Lebensräume wie alpine Matten, subalpine Wälder oder Gletschervorfelder müssen geschützt und in ihrer ökologischen Funktion gesichert werden. Dabei ist zu berücksichtigen, dass alpine Räume besonders empfindlich gegenüber intensiver Nutzungen sind, insbesondere gegenüber erhöhten Nährstoffeinträgen.
Ökosystemfunktionalität
Aufrechterhaltung ökologischer Prozesse: Natürliche Prozesse wie Sukzession, Lawinen- und Erosionsschutz sowie die Wasserregulierung durch alpine Ökosysteme müssen berücksichtigt und gefördert werden.
Erhalt der natürlichen Dynamik: Natürliche Störungen wie Lawinen, Murgänge oder Waldbrände prägen alpine Ökosysteme wesentlich. Die Fachplanung soll diese dynamischen Prozesse einbeziehen und nicht durch übermässige Regulierung beeinträchtigen.
Klimaanpassung
Resilienz gegenüber Klimawandel: Die Fachplanung muss Strategien entwickeln, um die Resilienz alpiner Lebensräume gegenüber den Auswirkungen des Klimawandels zu stärken. Dazu gehören beispielsweise Pufferzonen, die Unterstützung der Wanderung von Arten oder die Förderung klimatisch robuster Vegetationstypen.
Monitoring klimatischer Veränderungen: Klimatische Veränderungen und ihre Auswirkungen auf alpine Ökosysteme sind regelmässig zu überwachen, um frühzeitig auf neue Herausforderungen reagieren zu können.
Wasserhaushalt und -management
Schutz der Wasserressourcen: Die Alpen fungieren als «Wasserschloss Europas». Der Schutz der Wasserressourcen umfasst den Erhalt ihrer Qualität und Quantität, die Regulierung des Wasserflusses sowie den Schutz der Quellgebiete.
Erhalt der Feuchtgebiete: Alpine Feuchtgebiete sind sowohl bedeutende Lebensräume als auch wichtige Elemente der Wasserregulierung und müssen im Rahmen der Fachplanung besonders geschützt werden.
Gilden
Das Konzept der ökologischen Gilde ist in der Fachplanung und in der ökologischen Literatur etabliert und wird auch im Kontext der Ökologischen Infrastruktur verwendet. Gilden fassen Arten mit ähnlichen ökologischen Ansprüchen, vergleichbarer Ressourcennutzung oder ähnlichem Raum- und Strukturbedarf zusammen und bilden damit eine praktikable funktionale Ebene zwischen Art und Lebensraum.
Für die vorliegende Pilotstudie stellt sich weniger die Frage nach der grundsätzlichen Eignung des Gildenkonzepts, sondern vielmehr, ob es spezifisch alpine Gilden gibt oder ob alpine Arten überwiegend als spezielle Ausprägungen allgemein definierter Gilden zu verstehen sind. In der Regel handelt es sich bei alpinen Artengemeinschaften nicht um völlig neue funktionale Gruppen, sondern um Gilden, die unter besonderen Umweltbedingungen (Höhenstufe, Schneebedeckung, Substrat, Nutzungssystem) auftreten.
Im Rahmen dieser Studie wird daher folgendermassen vorgegangen:
- Bestehende Gilden der kantonalen ÖI werden dahingehend geprüft, welche davon im alpinen Raum vorkommen und welche ihrer Ansprüche dort massgebend sind.
- Wo notwendig, werden alpine Ausprägungen bestehender Gilden unterschieden, beispielsweise für Arten, die an hochalpine Matten, Blockschutt, Lawinenzüge oder Gletschervorfelder gebunden sind.
- Nur dort, wo funktionale Eigenheiten nicht mehr sinnvoll in bestehenden Gilden abgebildet werden können, werden zusätzliche, spezifisch alpine Gilden diskutiert.
Damit knüpft die Pilotstudie an das etablierte Gildensystem der ÖI an, untersucht dieses aber gezielt nach Erweiterungen alpiner Aspekte. Die Gilden dienen so als funktionale Klammer zwischen Arten, Lebensräumen und den für die ÖI relevanten Umweltbedingungen im alpinen Raum.
Lebensräume
Lebensräume bilden neben den Arten und Gilden eine zentrale Bezugsgrösse der ÖI. Im alpinen Raum sind sie in besonderem Masse durch die Kombination aus Höhenlage, Klima, Substrat, Exposition und Nutzung geprägt.13 14 Typische alpine Lebensräume können sich in Struktur, Dynamik und Sensitivität von vergleichbaren Lebensräumen in tieferen Lagen unterscheiden.
Für die vorliegende Pilotstudie stellt sich – analog zur Gildenebene – weniger die Frage, ob es eigenständige alpinen Lebensraumtypen im konzeptionellen Sinn braucht, sondern ob und wie alpine Ausprägungen bestehender Lebensräume für die Fachplanung der ÖI im Kanton Bern spezifisch berücksichtigt werden müssen.
Im Rahmen dieser Studie wird daher folgendermassen vorgegangen:
- Bestehende Lebensraumtypen der kantonalen ÖI werden dahingehend geprüft, welche davon im alpinen Raum vorkommen und welche ihrer Eigenschaften dort für die Planung relevant sind.
- Wo erforderlich, werden alpine Ausprägungen bestehender Lebensräume differenziert, etwa bei hochalpinen Matten, subalpinen Wäldern, Lawinenrunsen, Blockschuttfluren, Gletschervorfeldern oder alpinen Mooren.
- Nur dort, wo die Besonderheiten alpiner Lebensräume nicht mehr sinnvoll innerhalb bestehender Typen abgebildet werden können, werden zusätzliche, spezifisch alpine Lebensraumkategorien diskutiert.
Damit knüpft die Pilotstudie an die bestehenden Lebensraumkonzepte der ÖI an, ergänzt diese aber gezielt um alpine Aspekte. Die alpine Differenzierung der Lebensräume bildet so eine Grundlage für die räumliche Abgrenzung, Bewertung und Priorisierung der Ökologischen Infrastruktur im alpinen Raum des Kantons Bern.
Spezialstandorte
Spezialstandorte in alpinen Räumen sind räumlich meist kleinflächig, aber ökologisch ausgesprochen bedeutend. Sie weisen besondere Standortbedingungen, seltene Lebensraumtypen oder eine hohe funktionale Relevanz auf. Typische alpine Spezialstandorte entstehen oft an extremen oder stark dynamischen Standorten, die nur von spezialisierten Artengemeinschaften besiedelt werden können.
„The alpine belt hosts [..] plant communities strongly driven by positive interactions between plants through biogenic amelioration.“ (Körner 2021)
„In the alpine zone, woody vegetation is replaced by rocky, nutrient-poor grassland and pastures. Glacier forelands and moraines with their pioneer vegetation are also typical features of this environment.“ (Nagy & Grabherr 2009)
Zu den zentralen alpinen Spezialstandorten gehören insbesondere:
- Gletschervorfelder und junge Moränen: Pionierlebensräume mit sehr jungen Böden, starken Temperaturschwankungen und geringer Nährstoffverfügbarkeit.
- Blockschuttfluren und Felsbänder: Standorte mit instabilen Substraten und hoher geomorphologischer Dynamik, wichtig für spezialisierte Arten.
- Lawinenzüge und Murgangbereiche: Regelmässig gestörte Lebensräume mit hoher Dynamik und besonderen ökologischen Nischen.
- Nivalbereiche: Höhenzonen mit extrem kurzen Vegetationsperioden und dauerhafter oder nahezu dauerhafter Schneebedeckung.
Obwohl diese Standorte flächenmässig begrenzt sind, besitzen sie eine überproportionale Bedeutung für die Biodiversität. In der Fachplanung der ÖI sollen sie deshalb spezifisch berücksichtigt werden, jedoch in einer Weise, die das Lebensraumklassensystem nicht unverhältnismässig erweitert.
Prozesse
Alpine Ökosysteme sind stark durch biotische und vor allem abiotische Prozesse geprägt. Diese Prozesse bestimmen Struktur, Dynamik und ökologische Funktion der Lebensräume und sind daher für die Planung einer Ökologischen Infrastruktur im alpinen Raum zentral.
„Alpine river ecosystems are highly sensitive to climatic forcing … these systems are particularly useful for observing response to global change owing to their high climatic sensitivity.” (Füreder 2007)
„The Alpine region is characterised by low productivity, slow response rates and isolation, resulting in unique ecological dynamics.“ (EEA 2002)
Zu den prägenden alpinen Prozessen zählen insbesondere:
- Geomorphologische Dynamiken wie Lawinen, Murgänge, Frost-Tau-Zyklen oder die Bewegung von Blockschutt.
- Schnee- und Permafrostprozesse, welche die Standortbedingungen, die Vegetationsentwicklung und die Stabilität von Lebensräumen stark beeinflussen.
- Hydrologische Prozesse, insbesondere Schneeschmelze, Gletscherabschmelzen, Quell- und Grundwasserbildung.
- Ökologische Sukzession und Pionierprozesse auf jungen Substraten wie Moränen und Gletschervorfeldern.
- Klimatische Veränderungen, welche die genannten Prozesse beschleunigen oder verstärken und dadurch die alpine Landschaft nachhaltig verändern.
Für die Planung einer Ökologischen Infrastruktur im alpinen Raum ist sowohl die aktuelle Prozessdynamik als auch deren zukünftige Entwicklung unter einem anderen Klimaregime zu berücksichtigen. Dies betrifft insbesondere die Identifikation von Lebensräumen, die Abgrenzung von Spezialstandorten sowie die Bewertung der langfristigen ökologischen Funktionen.
Methodik
Neben den inhaltlichen, funktionalen Anforderungen an eine ÖI im alpinen Raum gibt es auch methodische, sogenannte nicht-funktionale Anforderungen an die Erweiterung initialisierter Fachplanungen.
Die Definition einzelner Lebensraum- und Gildenklassen stellt eine notwendige Reduktion der komplexen Biodiversität auf praxistaugliche und verständliche Einheiten dar. Für das Management der Ökologischen Infrastruktur sind wenige, aussagekräftige Klassen zentral, um Massnahmen zielgerichtet planen und umsetzen zu können. Für eine ÖI Schweiz ist dabei entscheidend, dass die Klassifikationen einheitlich aufgebaut sind, in ihrer Anzahl ausgewogen bleiben und zwischen den Regionen vergleichbar sind. Dabei ist zu beachten, dass die Fachplanung auf einer regional bis kantonalen Skala durchgeführt wird und nicht lokal.
Für die alpinen Räume bedeutet dies, dass Spezialstandorten und alpinen Ausprägungen von Lebensräumen Rechnung getragen werden soll, jedoch nur soweit, dass sie die übrigen Lebensraumgruppen nicht zahlenmässig dominieren. Die Differenzierung muss fachlich begründet, planerisch nutzbar und methodisch robust sein.
Für die Operationalisierung der Kartierung und Analyse lassen sich folgende methodische Grundsätze zusammenfassen:
- Die Erfassung erfolgt flächendeckend und orientiert sich an der Bodenbedeckung, nicht an der aktuellen Bodennutzung.
- Lebensräume und Gilden müssen kartier- und damit messbar sein, insbesondere mit Methoden der Fernerkundung oder standardisierten Felderhebungen.
- Bei der Kartierung ist es wichtiger, Typ-II-Fehler (falsch negative Ergebnisse) zu minimieren als Typ-I-Fehler (falsch positive Ergebnisse), da das Übersehen von Lebensräumen oder Gilden gravierendere Auswirkungen auf die ökologische Planung hat.
- Es werden grundsätzlich nur Klassen berücksichtigt, die mit genügender Genauigkeit und Wiederholbarkeit kartiert werden können.
- Die Anzahl und der Detailgrad der Klassen müssen zwischen den verschiedenen Lebensraumgruppen (z. B. Gewässer, Gehölze, Offenland) ausgewogen sein. Nur so ist gewährleistet, dass die unterschiedlichen Aspekte der ÖI ausgewogen in das Management einfliessen und nicht von einzelnen Spezialstandorten dominiert werden.
Diese methodischen Leitlinien sollen gewährleisten, dass die definierten Lebensraum- und Gildenklassen sowohl fachlich sinnvoll und ausgewogen als auch für die kantonale Umsetzung einer Ökologischen Infrastruktur im alpinen Raum praktikabel sind. Und es kann gewährleistet werden, dass das Management ÖI sich nicht nur auf die Fachplanung beschränkt, sondern bereits auf die Umsetzung, das Monitoring und die Erfolgskontrolle vorbereitet ist.
Methoden
Design
Die Pilotstudie verfolgte ein schrittweises Vorgehen: zuerst konzeptionelle Analysen, anschliessend datenbasierte Auswertungen und darauf aufbauend feldgestützte Evaluationen.
Ausgangspunkt bildete die Analyse bestehender Landschaftseinteilungen, welche die Alpen als eigenen Raum berücksichtigen. Dabei wurde geprüft, anhand welcher Kriterien die Alpen gegenüber anderen Landschaftsräumen abgegrenzt werden und welche dieser Kriterien sich als tragfähige Alleinstellungsmerkmale für die Fachplanung einer Ökologischen Infrastruktur eignen. Ergänzend dazu wurden fachliche Klassifikationssysteme betrachtet, die spezifisch auf die möglichen Gilden-, Lebensraum- und Umweltklassen für den alpinen Raum eingehen.
Für die konkrete Anwendung wurden Geodatensätze, die sich an diesen Klassifikationen orientieren, daraufhin untersucht, inwieweit sie die Anforderungen des alpinen Raums bereits abdecken. Im Vordergrund stand die Frage, ob und wie alpine Gilden und Lebensräume als besondere Ausprägungen bestehender Gruppen verstanden werden können und wo funktionale oder räumliche Lücken bestehen. Damit knüpft die Pilotstudie an die etablierten Grundlagen an und vermeidet eine unnötige Ausweitung der Klassifikationssysteme.
Um zu prüfen, inwieweit sich eine Klassifikation mit Fernerkundung umsetzen lässt, wurde ergänzend ein datengetriebener Ansatz gewählt. Auf der Basis von Satellitendaten wurde ein Clustering durchgeführt, um potenzielle Muster und Einteilungen im alpinen Raum zu identifizieren, die mit bestehenden Klassifikationen nur unzureichend abgebildet werden. Diese explorative Analyse diente dazu, Kandidaten für alpine Ausprägungen von Lebensräumen oder Gilden sowie für mögliche Spezialstandorte zu erkennen.
Begleitend zu diesen Schritten wurden die Zwischenergebnisse im Feld überprüft. An ausgewählten Standorten in der Pilotregion wurden die abgeleiteten Einteilungen und Kartierungen mit der Situation vor Ort verglichen. Die Feldbegehungen dienten sowohl der fachlichen Plausibilisierung der vorgeschlagenen Differenzierungen als auch der Einschätzung ihrer praktischen Relevanz für die Planung. Insgesamt ist das Untersuchungsdesign darauf ausgerichtet, konzeptionell begründete, datenbasiert überprüfte und feldvalidierte Grundlagen für eine Erweiterung der Ökologischen Infrastruktur in den alpinen Räumen des Kantons Bern zu erarbeiten.
Pilotregion
Um die alpinen Regionen des Berner Oberlands sowie vergleichbare Gebiete der Schweizer Alpen repräsentativ abzudecken, wurde das Haslital als Pilotregion ausgewählt (Abbildung 14). Das Gebiet umfasst eine ausgeprägte topografische und klimatische Vielfalt und weist entsprechend eine grosse Bandbreite an Lebensräumen und Gilden auf. Damit eignet sich das Haslital besonders gut, um methodische Ansätze für die Ökologische Infrastruktur im alpinen Raum zu entwickeln und zu testen.
Das Haslital liegt im östlichen Berner Oberland und grenzt an die Kantone Nidwalden, Obwalden, Uri und Wallis (Abbildung 15). Die Region umfasst die Gemeinden Gadmen, Guttannen, Hasliberg, Innertkirchen, Meiringen und Schattenhalb und bedeckt eine Fläche von rund 551 km².
Die Pilotregion deckt ein breites Spektrum an Höhenstufen und Standortbedingungen ab – von den besiedelten Talräumen und intensiv genutzten Verkehrsachsen über landwirtschaftlich geprägte Hänge bis hin zu subalpinen und hochalpinen Bereichen mit Fels, Schuttfluren, Gletschervorfeldern und vergletscherten Flächen. Entsprechend treten im Haslital sowohl typische alpine Spezialstandorte als auch Übergangsräume zum voralpinen Bereich auf.
Für die Analysen wurde die Pilotregion operational über die Verwaltungsgrenzen der genannten Gemeinden definiert und als zusammenhängende Untersuchungsfläche behandelt. Sämtliche Geodaten wurden auf diese Abgrenzung zugeschnitten und für die weiteren Auswertungen auf eine einheitliche räumliche Referenz überführt.
Klassifikationen
Die für Gilden und Lebensräume relevanten Klassifikationssysteme sind in der Arbeitshilfe ÖI des BAFU beschrieben und wurden in dieser Untersuchung hinsichtlich ihrer Eignung für alpine Räume geprüft. Ergänzend wurden weitere Klassifikationen berücksichtigt, die sich spezifisch mit alpinen Verhältnissen und deren ökologischen Besonderheiten befassen. Ziel ist es, die bestehenden Systeme gezielt um jene Aspekte zu ergänzen, die für die Planung einer Ökologischen Infrastruktur im alpinen Raum relevant sind.
ÖI-Gilden
Die Gilden bilden die zentrale funktionale Grundlage der Fachplanung ÖI. Das BAFU liess für diesen Zweck eine spezifische Klassifikation funktionaler Artengruppen erarbeiten, die sogenannten ÖI Gilden von InfoSpecies.15 Diese Klassifikation bildet die für die Ökologische Infrastruktur relevanten funktionalen Artengruppen ab und umfasst eine schweizweit konsistente Gildenebene (Abbildung 16). Mit den Gilden ‘Gebirgs-Nadelwälder’, ‘Gebirgs-Magerrasen’ und ‘Felsen und Geröllfluren’ wird der alpine Raum explizit einbezogen.
Für die planerische Anwendung werden die Gilden von InfoSpecies in zwei übergeordnete Gruppen unterteilt: sessile und mobile Gilden. Diese Einteilung erleichtert die Ableitung von Anforderungen an Lebensräume, Struktur- und Vernetzungselemente und dient als funktionale Grundlage für die Beurteilung der Ökologischen Infrastruktur.
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TypoCH
Die Lebensräume der Schweiz nach TypoCH16 bilden die Standardklassifikation für Lebensräume in der Schweiz und werden entsprechend in die Fachplanung ÖI einbezogen. TypoCH ist seit vielen Jahren eine etablierte Grundlage im Natur- und Landschaftsmanagement und diente auch als Vorlage für die Liste der schützenswerten Lebensraumtypen im Anhang 1 der Verordnung über den Natur- und Heimatschutz (NHV, SR 451.1).
Das System ist hierarchisch aufgebaut und umfasst fünf mögliche Klassifikationsebenen (Abbildung 17). Diese Struktur erlaubt eine differenzierte, gleichzeitig aber konsistente Einordnung der Lebensräume, was für die Planung und Bewertung der Ökologischen Infrastruktur von zentraler Bedeutung ist. Analog zu den ÖI-Gilden, welche von TypoCH abgeleitet sind, gibt es ausgewählte alpine Klassen auf verschiedenen Niveaus.
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Die Rote Liste der gefährdeten Lebensräume17 basiert auf der Klassifikation TypoCH und identifiziert jene Lebensraumtypen, die in der Schweiz als besonders gefährdet gelten. Sie ergänzt damit die allgemeine Lebensraumklassifikation um eine Bewertung der Gefährdungssituation, die für die Priorisierung in der Fachplanung ÖI von zentraler Bedeutung ist.
Fliessgewässer
Die Fliessgewässertypisierung der Schweiz18 stellt eine schweizweite aquatische Klassifikation dar und kann die vorwiegend terrestrisch ausgerichtete TypoCH-Systematik um eine differenzierte Einordnung der Gewässerlebensräume ergänzen.
Die Typisierung umfasst eine Klassifikationsebene, stützt sich jedoch auf hierarchisch gegliederte Kriterien wie Höhenlage, Abflussmenge, Gefälle und geologische Eigenschaften. Über die Höhenlage ist der alpine Raum direkt angesprochen.
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Datengrundlagen
Die beschriebenen Klassifikationen sind nicht nur konzeptionelle Grundlagen, sondern auch in einer Reihe bestehender Datensätze räumlich umgesetzt. Für die Pilotstudie wurden diese Geodaten herangezogen, harmonisiert und im Hinblick auf ihre Eignung für alpine Räume überprüft.
Lebensräume ÖI
Für die Fachplanung ÖI im Kanton Bern wurde die Lebensraumklassierung ÖI von Nategra umgesetzt.19 Diese Klassifikation wurde spezifisch für die Anforderungen der Ökologischen Infrastruktur entwickelt. Als fachlicher Rahmen dienen die Arbeitshilfe ÖI des BAFU sowie das von Nategra entwickelte Datenmodell ÖI (Abbildung 4). Die Lebensraumklassierung ÖI baut auf bestehenden Systemen auf und erfüllt die methodischen Anforderungen, die in diesem Bericht dargelegt wurden (Kapitel 3.6):
- Fokus auf Bodenbedeckung statt Bodennutzung
- Abbildung der aktuell vorhandenen, nicht der potenziell möglichen Bodenbedeckung
- Ausgewogene Anzahl und Differenzierung der Klassen
- Automatisiert kartier- und messbar mit möglichst geringer Unsicherheit, insbesondere mit minimierten Typ-II-Fehlern
Die Lebensraumklassifikation ÖI basiert grundsätzlich auf TypoCH und den Gilden von InfoSpecies; im Gewässerbereich wird sie durch spezifische aquatische Klassifikationen ergänzt. Massgeblich stützt sie sich auf die folgenden bestehenden Systeme mit entsprechender inhaltlicher Priorität:
- Lebensräume der Schweiz TypoCH20
- Gilden InfoSpecies21
- Rote Liste der Lebensräume der Schweiz22
- Konzept für die Untersuchung und Beurteilung der Seen in der Schweiz23
- Fliessgewässertypisierung der Schweiz24
Die aktuelle Klassifikation umfasst 19 Lebensraumklassen auf kantonaler und nationaler Ebene (Tabelle 1). Die Bezeichnungen der Klassen orientieren sich möglichst eng an den ursprünglichen Klassifikationssystemen, um Vergleichbarkeit und Anschlussfähigkeit sicherzustellen. Zusammengefasst gibt es fünf Gehölz-, vier Grasland-, sechs Gewässer- und vier Offenflächenklassen.
Die Kartierung der Lebensräume ÖI folgt dem sogenannten Priority-Ist-Zustand-Ansatz. Dabei werden auf Basis von Fernerkundungsdaten räumlich explizite Kartierungen der Basislebensräume erstellt, welche anschliessend durch thematische Zusatzinformationen attributiert werden. Dieser Ansatz ermöglicht eine konsistente, flächendeckende und reproduzierbare Ableitung der für die Ökologische Infrastruktur relevanten Lebensraumtypen.
| Nummer | Name | Beschreibung |
|---|---|---|
| 1 | Hohes Laubgehölz | Laubblattgehölz mit Höhe ≥ 10 Meter |
| 2 | Niedriges Laubgehölz | Laubblattgehölz mit Höhe < 10 Meter |
| 3 | Hohes Nadelgehölz | Nadelblattgehölz mit Höhe ≥ 10 Meter |
| 4 | Niedriges Nadelgehölz | Nadelblattgehölz mit Höhe < 10 Meter |
| 5 | Reben | Reben |
| 6 | Grünland | Übriges Grünland |
| 7 | Feuchtwiesen-Weiden | Wiesen und Weiden mit erhöhter Bodenfeuchte |
| 8 | Trockenwiesen-Weiden | Wiesen und Weiden mit reduzierter Bodenfeuchte |
| 9 | Ackerland | Jährlich wechselnde Feldkulturen und Kunstwiesen |
| 10 | Grosses Stillgewässer | Stillgewässer mit Fläche ≥ 1 Hektare |
| 11 | Kleines Stillgewässer | Stillgewässer mit Fläche < 1 Hektare |
| 12 | Grosses Fliessgewässer | Grosse Flüsse mit mittlerem Abfluss > 50 m3/s |
| 13 | Mittleres Fliessgewässer | Fliessgewässer mit mittlerem Abfluss > 1 m3/s |
| 14 | Kleines Fliessgewässer | Fliessgewässer mit mittlerem Abfluss ≤ 1 m3/s |
| 15 | Gletscher, Firn- und Schneefelder | Ganzjährig von Gletscher, Firn- und Schneefelder bedeckt |
| 16 | Offenflächen | Übrige Offenflächen |
| 17 | Fels | Durchgehende Felsflächen |
| 18 | Siedlungsflächen | Offenflächen in Siedlungsgebieten |
| 19 | Bauten und Anlagen | Bauten und Anlagen |
Lebensraumkarte TypoCH
Eine Lebensraumkarte der Schweiz nach TypoCH wurde von der WSL entwickelt.25 Ziel dieses Produkts war die Überführung der Lebensräume nach TypoCH in eine räumlich hochaufgelöste Kartierung auf nationaler Ebene. Die Karte wurde aber nicht spezifisch für die Anforderungen der Ökologischen Infrastruktur entwickelt oder optimiert.
Für die Analysen in dieser Studie wurde die Lebensraumkarte in der Version 1.1 verwendet.26 Diese Version fasst Klassen aus verschiedenen TypoCH-Hierarchiestufen zu einem Geodatensatz zusammen, in welchem jeweils nur ein Klasse nebeneinander vorkommen kann (Tabelle 2). Die einzelnen Klassen wurden mit spezifischen Methoden hergeleitet.
| Nummer | Name | Methode | Beschreibung |
|---|---|---|---|
| 1 | Gewässer | 1 | Abgeleitet vom Topografischen Landschaftsmodell TLM (Swisstopo) |
| 11 | Stehende Gewässer | 1 | Abgeleitet vom Topografischen Landschaftsmodell TLM (Swisstopo) |
| 12 | Fliessgewässer | 1 | Abgeleitet vom Topografischen Landschaftsmodell TLM (Swisstopo) |
| 13 | Quellen und Quellfluren | 9 | Nicht berücksichtigt |
| 14 | Unterirdische Gewässer | 9 | Nicht berücksichtigt |
| 2 | Ufer und Feuchtgebiete | 1 | Abgeleitet vom Topografischen Landschaftsmodell TLM (Swisstopo) |
| 20 | Künstliche Ufer | 9 | Nicht berücksichtigt |
| 21 | Ufer mit Vegetation | 1 | Abgeleitet vom Topografischen Landschaftsmodell TLM (Swisstopo) |
| 22 | Flachmoore | 2 | Modelliert mit Random Forest oder Ensemble Modelling |
| 23 | Feuchtwiesen | 2 | Modelliert mit Random Forest oder Ensemble Modelling |
| 24 | Hochmoore | 2 | Modelliert mit Random Forest oder Ensemble Modelling |
| 25 | Wechselfeuchte Pionierfluren | 9 | Nicht berücksichtigt |
| 3 | Gletscher, Fels, Schutt und Geröll | 1 | Abgeleitet vom Topografischen Landschaftsmodell TLM (Swisstopo) |
| 31 | Gletscher, Firn- und Schneefelder | 1 | Abgeleitet vom Topografischen Landschaftsmodell TLM (Swisstopo) |
| 32 | Alluvionen und Moränen | 1 | Abgeleitet vom Topografischen Landschaftsmodell TLM (Swisstopo) |
| 33 | Steinschutt- und Geröllfluren | 1 | Abgeleitet vom Topografischen Landschaftsmodell TLM (Swisstopo) |
| 34 | Fels | 1 | Abgeleitet vom Topografischen Landschaftsmodell TLM (Swisstopo) |
| 35 | Höhlen | 9 | Nicht berücksichtigt |
| 4 | Grünland | 2 | Modelliert mit Random Forest oder Ensemble Modelling |
| 40 | Kunstrasen | 1, 2, 4 | Methodenkombination |
| 41 | Pionierfluren auf Felsböden | 4 | Regelbasiert auf Höhen- und Spektralindikatoren |
| 42 | Wärmeliebende Trockenrasen | 2 | Modelliert mit Random Forest oder Ensemble Modelling |
| 43 | Gebirgs-Magerrasen | 2 | Modelliert mit Random Forest oder Ensemble Modelling |
| 44 | Schneetälchen | 2 | Modelliert mit Random Forest oder Ensemble Modelling |
| 45 | Fettwiesen und -weiden | 2 | Modelliert mit Random Forest oder Ensemble Modelling |
| 46 | Grasbrachen | 2 | Modelliert mit Random Forest oder Ensemble Modelling |
| 5 | Krautsäume, Hochstaudenfluren und Gebüsche | 1, 4 | Methodenkombination |
| 51 | Krautsäume | 9 | Nicht berücksichtigt |
| 52 | Hochstauden- und Schlagfluren | 4 | Regelbasiert auf Höhen- und Spektralindikatoren |
| 53 | Gebüsche | 1, 4 | Methodenkombination |
| 54 | Zwergstrauchheiden | 2 | Modelliert mit Random Forest oder Ensemble Modelling |
| 6 | Wälder | 1 | Abgeleitet vom Topografischen Landschaftsmodell TLM (Swisstopo) mit LFI-Waldmaske |
| 60 | Forstpflanzungen/Einzelbäume | 4 | Regelbasiert auf Höhen- und Spektralindikatoren |
| 61 | Bruch- und Auenwälder | 3 | Abgeleitet von bestehenden potenziellen Habitatverbreitungsmodellen |
| 62 | Buchenwälder | 3 | Abgeleitet von bestehenden potenziellen Habitatverbreitungsmodellen |
| 63 | Andere Laubwälder | 3 | Abgeleitet von bestehenden potenziellen Habitatverbreitungsmodellen |
| 64 | Wärmeliebende Föhrenwälder | 3 | Abgeleitet von bestehenden potenziellen Habitatverbreitungsmodellen |
| 65 | Hochmoorwälder | 3 | Abgeleitet von bestehenden potenziellen Habitatverbreitungsmodellen |
| 66 | Gebirgsnadelwälder | 3 | Abgeleitet von bestehenden potenziellen Habitatverbreitungsmodellen |
| 7 | Ruderalstandorte | 4 | Regelbasiert auf Höhen- und Spektralindikatoren |
| 71 | Trittrasen und Ruderalfluren | 4 | Regelbasiert auf Höhen- und Spektralindikatoren |
| 72 | Anthropogene Steinfluren | 9 | Nicht berücksichtigt |
| 8 | Pflanzungen, Äcker und Kulturen | 2 | Modelliert mit Random Forest oder Ensemble Modelling |
| 81 | Baumschulen, Obstgärten, Rebberge | 1 | Abgeleitet vom Topografischen Landschaftsmodell TLM (Swisstopo) |
| 82 | Feldkulturen | 1 | Abgeleitet von kantonalen 'Landwirtschaftliche Nutzungsflächen' |
| 9 | Bauten, Anlagen | 1 | Abgeleitet vom Topografischen Landschaftsmodell TLM (Swisstopo) |
| 91 | Lagerplätze, Deponien | 1 | Abgeleitet vom Topografischen Landschaftsmodell TLM (Swisstopo) |
| 92 | Bauten | 1 | Abgeleitet vom Topografischen Landschaftsmodell TLM (Swisstopo) |
| 93 | Verkehrswege | 1 | Abgeleitet vom Topografischen Landschaftsmodell TLM (Swisstopo) |
| 94 | Versiegelter Sportplatz, Parkplatz usw | 1 | Abgeleitet vom Topografischen Landschaftsmodell TLM (Swisstopo) |
Grasländer TypoCH
Die Verbreitung permanenter Grasländer gemäss der Klassifikation TypoCH wurden schweizweit modelliert und zu einer Habitatkarte der vorrangigen Grasländer zusammengefügt.27 Die modellierten Graslandlebensräume umfassen Moore und Feuchtwiesen, Hochmoore, neu eingesäte und stark gedüngte Graslandschaften, Trockenrasen, nährstoffarme alpine und subalpine Rasen (Alpen- und Subalpenrasen), nährstoffreiche Weiden und Wiesen sowie Brachrasen (Tabelle 3).
Dieser Datensatz liegt als eigenständige Modellierung vor, ist jedoch auch in die Lebensraumkarte TypoCH (Kapitel 4.4.2) eingeflossen.
Landschaftsmodell
Das grossmassstäbliche Topografische Landschaftsmodell der Schweiz (swissTLM3D) stellt eine umfassende, objektscharfe Beschreibung der Schweizer Landschaft dar.28 Es bildet die geometrische und thematische Grundlage zahlreicher geodatenbasierter Produkte und dient unter anderem auch als Basis für das Schweizer Landeskartenwerk.
Clustering
Um zu analysieren, ob es überhaupt möglich ist, alpine Lebensräume mittels Fernerkundung zu unterscheiden, wurde ein unüberwachtes Clustering auf der Grundlage von Fernerkundungsdaten durchgeführt.
Als Eingangsgrössen dienten jährliche Satellite-Embeddings, die jeden Pixel des 10-Meter-Rasters durch einen 64-dimensionalen Merkmalsvektor beschreiben und damit räumliche, zeitliche und thematische Muster über einen definierten Zeitraum zusammenfassen.29 Für die Untersuchung wurden Daten der Jahre 2018–2024 verwendet.
Das Clustering wurde mit dem k-Means-Algorithmus durchgeführt.30 Um die thematische Vielfalt des alpinen Raums abzubilden, wurden drei Clusterauflösungen mit 30, 50 und 70 Klassen berechnet. Das Training erfolgte auf einem stratifizierten Sample innerhalb des Haslitals, basierend auf der bestehenden ÖI-Lebensraumklassifikation von Nategra, um alle relevanten Lebensraumgruppen angemessen zu berücksichtigen.
Feldbegehungen
Die bestehenden Klassifikationen und Datensätze sowie die Clusterings wurden im Feld respektive mit Felddaten qualitativ überprüft. Ziel der Felddaten war es, die Stärken und Grenzen der bestehenden und möglicher neuen Lebensraumabgrenzungen im alpinen Kontext räumlich zu plausibilisieren sowie Übergänge und potenzielle Spezialstandorte zu beurteilen.
Die Feldbegehungen fanden während der Vegetationsperiode 2024 in zwei Teilgebieten des Haslitals statt. Zuerst im Gadmertal und Gäntel, einem Gebiet mit ausgeprägter Reliefenergie, Schuttfluren, alpinen Matten, Schwemmebenen und vielfältigen Prozessspuren. Anschliessend im Hasliberg (Wasserwendi – Planplatten – Arnialpen), einem Bereich mit zahlreichen graduellen Übergängen, insbesondere in trockenen und feuchten Grasländern.
Für ausgewählte Flächen im Grimselgebiet standen Feldkartierungen von Lebensräumen zur Verfügung.31
Rücksprache mit KWO und Kanton (?), ob und wie zitieren.
Ergebnisse
Die zentralen Resultate werden im Folgenden beschrieben und jeweils im Kontext einer Ökologischen Infrastruktur für alpine Räume diskutiert. Ausgangspunkt bildet die grundsätzliche räumliche Abgrenzung und Charakterisierung des alpinen Raums in der Schweiz. Anschliessend wird aufgezeigt, inwieweit die bestehenden Grundlagen die Anforderungen des alpinen Raums abdecken und welche Lücken sich daraus ergeben. Aufbauend auf diesen Lücken wird das Potenzial datengetriebener Erweiterungen anhand der Clustering-Analysen dargestellt. Den Abschluss bilden die Erkenntnisse aus den Feldbegehungen, welche die kartierten und modellbasierten Ergebnisse im Gelände plausibilisieren und ergänzen.
Alpenraum
Der alpine Raum wird in der Schweiz überwiegend als geografischer Raum verstanden.32 In der naturräumlichen Gliederung der Schweiz33 grenzt Gutersohn die Alpen, neben Mittelland und Jura, anhand einer Kombination aus geologischen, topografischen, klimatischen, vegetationskundlichen und hydrologischen Kriterien ab (Abbildung 19 (a)).
Ökologisch spezifischer ist die Abgrenzung von Welten und Sutter, welche für die Höheren Pflanzen die sogenannten Bergflächen34 definieren. Diese basieren primär auf geografischen, klimatischen und höhenbezogenen Merkmalen und bilden die typischen Höhenstufen der alpinen Vegetation ab (Abbildung 19 (b)).
Für die Roten Listen der Höheren Pflanzen unterteilt Landolt die Alpen zusätzlich in Nord-, Inner- und Südalpen35, gestützt auf ökologische und klimatische Unterschiede sowie auf grundlegende geografische Strukturen (Abbildung 19 (c)).
Die biogeografischen Regionen der Schweiz36 beruhen schliesslich auf der breitesten Datengrundlage. Sie integrieren eine Vielzahl von Artengruppen und Umweltfaktoren und bilden damit eine umfassende naturräumliche Abgrenzung der alpinen Räume (Abbildung 19 (d)).
Allen Ansätzen ist gemeinsam, dass sie die alpinen Räume anhand des Geländereliefs definieren. Je nach Methode werden abiotische und biotische Faktoren, die davon abhängen, unterschiedlich gewichtet oder kombiniert.
Das ausgeprägte Relief der Alpen (Abbildung 20) führt dazu, dass sich zentrale Umweltparameter – insbesondere Temperatur, Niederschlag, Strahlung, Exposition, Bodenentwicklung und Schneebedeckung – bereits über sehr kurze horizontale Distanzen stark verändern. Diese hohe ökologische Heterogenität auf engem Raum bewirkt, dass die Alpen eine ausserordentliche Dichte an Lebensräumen aufweisen, die sich oft mosaikartig abwechseln und kleinräumig verzahnen. In kaum einem anderen Landschaftsraum der Schweiz sind Höhenstufen, Mikroklimata und standörtliche Übergänge so eng miteinander verknüpft, was wesentlich zur ökologischen Bedeutung der alpinen Räume beiträgt.
Für die ÖI ergibt es daher wenig Sinn, einen neuen Ansatz zur Abgrenzung des alpinen Raums zu entwickeln. Ein rein höhenbasierter Ansatz ist nicht generalisierbar, da die für alpine Bedingungen relevanten Höhenlagen regional stark variieren. Sowohl die Baumgrenze als auch die Dauer- oder nahezu Dauerschneelinien verschieben sich je nach Exposition, Niederschlagsregime und Temperaturgradient erheblich, sodass fixe Höhenstufen den alpinen Raum nur schematisch abbilden würden.
Als geeignete Grundlage bieten sich die biogeografischen Regionen an. Sie beruhen nicht allein auf abiotischen Umweltbedingungen, sondern integrieren auch Artvorkommen und damit die tatsächliche ökologische Ausprägung der Landschaft. Zudem sind sie im aktuellen Naturmanagement breit verankert und bieten eine stabile Bezugsebene für die ÖI.
Nach den aktuellen biogeografischen Regionen37 bedecken die Alpen 63 % der Schweizer Landesfläche und 58 % der Kantonsfläche von Bern.
Alpine Lebensräume
Als Referenz für die Überprüfung der bestehenden Klassifikationen im alpinen Kontext sowie möglicher Erweiterungen diente die Kartierung der Lebensräume ÖI mit ihren 19 Lebensraumklassen. Die räumliche Umsetzung im Pilotgebiet bildet die wesentlichen Strukturen und ökologischen Haupttypen des alpinen Raums ab (Abbildung 21). Die methodischen Anforderungen erfüllt sie weitgehend, da sie flächendeckend, konsistent kartierbar, auf die aktuelle Bodenbedeckung ausgerichtet ist und eine ausgewogene Anzahl Klassen aufweist.
Inhaltlich decken die Lebensräume ÖI die zentralen alpinen Lebensraumgruppen und deren ökologische Leistungen ab, insbesondere jene, die mit Vegetationsstrukturen, Wasserhaushalt und Habitatangebot verbunden sind. Die statistische Zusammenfassung der Flächenanteile zeigt ein für ein alpines Areal typisches Muster (Abbildung 22). Die funktionalen Anforderungen der Gilden werden jedoch nur allgemein erfüllt, da fein abgestufte Standorts- und Strukturunterschiede nicht weiter differenziert werden. Alpine Spezialstandorte erscheinen überwiegend in übergeordneten Klassen, und alpine Prozesse werden nur indirekt über die resultierenden Vegetations- und Substratformen abgebildet.
Insgesamt bildet die ÖI-Lebensraumklassierung die wesentlichen Haupttypen des alpinen Raums solide ab, lässt aber bei jenen Aspekten an Detailtiefe vermissen, die für alpine Gilden, Lebensräume und prozessgeprägte Standorte besonders relevant sind.
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Die TypoCH-basierte Lebensraumkarte der WSL bildet in hoher räumlicher Auflösung mehrere Hierarchiestufen des TypoCH-Systems parallel als ein Geodatensatz ab (Abbildung 23).
Die Lebensraumkarte weist mit ihrer deutlich grösseren Anzahl an Klassen eine hohe thematische Detailtiefe auf. Besonders im Grünland werden mehrere alpine Formen getrennt ausgewiesen, was zu einem kleinräumigen und teils stark fragmentierten Muster führt. Alpine Spezialstandorte erscheinen dadurch differenzierter als in der ÖI-Klassifikation, während Prozesse auch nur punktuell über spezifische TypoCH-Klassen erfasst werden. Die statistische Zusammenfassung zeigt, dass die grossen Muster der ÖI-Lebensräume bestätigt werden, Unterschiede jedoch in der stärkeren Aufsplittung einzelner Klassen liegen (Abbildung 24).
Methodisch erfüllt TypoCH die Anforderungen nur eingeschränkt. Das TypoCH-System kombiniert Bedeckungs- und Nutzungskriterien, was im alpinen Raum zu Mischformen führt. Die Detailtiefe variiert zudem stark zwischen den Hauptgruppen, wodurch einzelne Klassen systembedingt überproportional hervortreten. Verschiedene Klassen beruhen nicht ausschliesslich auf aktueller Bodenbedeckung, sondern auch auf potenzialbasierten Modellierungen, deren Unsicherheiten im alpinen Raum zu beachten sind.
Insgesamt stellt die TypoCH-Lebensraumkarte eine inhaltlich und räumlich feinere Ergänzung dar, zugleich aber eine systematisch heterogenere Grundlage, die eine direkte planerische Ableitung erschwert. Da TypoCH nicht auf die Fachplanung-ÖI spezialisiert ist, gibt es etliche Klassen, die dafür nicht relevant sind.
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Ein grosser Teil der Grünlandklassen in der Lebensraumkarte TypoCH basiert auf einer separaten Modellierung der permanenten Grasländer. Diese modellierte Graslandkarte nach TypoCH bildet die wichtigsten Grünlandtypen in hoher thematischer Auflösung ab (?@fig-habitats-graslander).
Inhaltlich spricht die Graslandkarte mehrere funktionale Anforderungen des alpinen Raums direkt an. Sie differenziert zentrale alpine Grünlandtypen deutlich stärker und macht jene Standortunterschiede sichtbar, die für alpine Gilden relevant sind. Alpine Spezialstandorte werden differenzierter dargestellt, während dynamische Prozesse nur indirekt über die resultierenden Vegetationsformen erkennbar bleiben.
Methodisch erfüllt die Graslandkarte die Anforderungen weitgehend. Sie basiert auf einer datengetriebenen, unabhängig evaluierten Modellierung und bildet ausschliesslich die aktuelle Bodenbedeckung ab. Die thematische Fokussierung führt zu einer konsistenten Detailtiefe innerhalb der Grünlandtypen. Einschränkungen bestehen dort, wo Übergänge stark diffus sind oder prozessgeprägte Standorte nicht ausreichend durch die Vegetationsform repräsentiert werden.
Insgesamt stellt die Graslandkarte eine wertvolle Ergänzung für die Analyse alpiner Räume dar. Sie bietet sowohl eine grössere inhaltliche Tiefe als auch eine höhere räumliche Differenzierung und schliesst wichtige Lücken der ÖI- und TypoCH-Gesamtkartierungen im Grünlandbereich.
Erweiterungsmöglichkeiten
Die Clusteranalysen zeigen, dass sich im alpinen Raum grossflächig stabile Ähnlichkeitsmuster erkennen lassen (Abbildung 26). Diese grossräumigen Muster entsprechen in weiten Teilen den dominierenden physiografischen Einheiten wie Höhenstufen, Expositionslagen sowie grossen Gewässer- und Offenlandbereichen. Damit bestätigen die Analysen die grundsätzliche räumliche Gliederung der bestehenden Lebensraumklassifikationen.
Mit zunehmender Clusterzahl treten jedoch feinere Differenzierungen hervor (Abbildung 27, Abbildung 28). Besonders im Grünlandbereich werden kleinräumige Unterschiede sichtbar, die in den bestehenden Klassifikationen nur teilweise oder in aggregierter Form vertreten sind. Dazu gehören Abstufungen innerhalb trockener und nährstoffarmer alpiner Rasen, feine Feuchtgradienten sowie Übergänge in schutt- oder prozessgeprägte Bereiche. Diese Muster decken sich nur teilweise mit den bestehenden Klassifikationen von ÖI und TypoCH, was entweder auf zusätzliche funktionale oder standörtliche Differenzierungen hindeutet oder die hohe Unsicherheit bei der Kartierung von Grasländern bestätigt.
Die Clustergrenzen verlaufen oft entlang markanter geomorphologischer Strukturen oder hydrologisch geprägter Linien, was auf deren methodische Eignung zur Identifikation von Übergängen oder Spezialstandorten hinweist. Gleichzeitig zeigen die Resultate, dass eine noch stärkere Fragmentierung als jene der TypoCH-Lebensräume methodisch zwar möglich, fachlich jedoch kaum sinnvoll wäre: Eine zu hohe Zahl an Cluster führt zu schwer interpretierbaren Mustern und erschwert eine planerische Nutzung.
Insgesamt weisen die Clustering-Ergebnisse darauf hin, dass einzelne alpine Lebensraum- und Grünlandtypen sinnvoll weiter differenziert werden können, ohne das Gesamtsystem zu überladen. Sie identifizieren vor allem jene Bereiche, in denen standörtliche Feinabstufungen, Übergänge oder funktionale Eigenheiten aus den bestehenden Klassifikationen herausfallen.
Felderkenntnisse
Die Feldbegehungen im Gadmental, am Hasliberg sowie die ergänzenden Felddaten aus dem Grimselgebiet bestätigten die grossräumigen Muster der bestehenden Lebensraumklassifikationen, zeigten jedoch zugleich, wo alpine Besonderheiten im Gelände feiner, kleinteiliger oder anders ausgeprägt sind, als dies die vorhandenen Geodaten wiedergeben.
Fels- und Offenflächen, Gletscher sowie die grossen Gehölzeinheiten werden von den bestehenden Daten grundsätzlich konsistent abgebildet (Abbildung 29). Unterschiede ergeben sich jedoch bei der internen Differenzierung der Gehölze: Die ÖI-Lebensräume fassen Laub- und Nadelgehölze in allgemeinen physiologischen, aber dafür ausgewogenen Klassen zusammen. Im Gegensatz dazu definiert die Klassierung TypoCH einzelne spezifische Klassen und erzeugt damit ein Bild mit einem Bias.
Auffällig sind die Unterschiede bei Gebüschen und Zwergstrauchheiden (Abbildung 30). Im Gebiet Wenden finden sich in Schneerunsen ausgedehnte Grünerlen- und Weidenbestände, die ökologisch prägend sind, in der ÖI-Lebensraumklassierung jedoch kaum oder gar nicht erscheinen. TypoCH bildet diese Strukturen ab.
Das Grünland erschien im Gelände deutlich kleinteiliger, als die ÖI-Lebensräume suggerieren (Abbildung 31). Das lokale Relief führt zu fein abgestuften Mosaiken aus trockenen, frischen und feuchten Graslandtypen, die in TypoCH teilweise sichtbar werden, in den ÖI-Lebensräumen jedoch nur summarisch als Grünland ausgeschieden sind.
Die Begehungen verdeutlichten ein durchgehendes Kontinuum von nass bis trocken. Feuchtwiesen sind in den NHG-Inventaren gut erkennbar (Abbildung 32), während die trockenen Enden häufig graduell übergehen und nur bei klarer Nutzungsgeschichte eindeutig abgrenzbar sind.
TypoCH überschätzt Feuchtgebiete tendenziell aufgrund potenzialbasierter Modellierungen, während die ÖI-Kartierung Feuchtstandorte durch ihre starke Anbindung an NHG-Inventare eher zu restriktiv erfasst (Abbildung 33). Bei Trockenwiesen zeigt sich ein vergleichbares Bild: zu weit gefasst in TypoCH, zu eng in ÖI.
Für Gehölze wurde ein fein abgestuftes Kontinuum beobachtet – von geschlossenen Beständen über aufgelockerte Gruppen bis zu Einzelbäumen (Abbildung 34). Letztere sind ökologisch bedeutsam, werden jedoch in der ÖI-Kartierung aufgrund der Mindestflächendefinition kaum erfasst. Zusätzlich zeigte sich, dass Zwergsträucher im alpinen Raum weit verbreitet sind, aber in beiden Klassifikationen nur unvollständig abgebildet werden.
Die Nutzung hat lokal einen erheblichen Einfluss auf die Vegetationsstruktur (Abbildung 35). Dies unterstreicht, dass Bodenbedeckung für Monitoringzwecke unabhängig von Inventargrenzen erfasst werden muss.
Insgesamt bestätigen die Felderkenntnisse, dass die bestehenden Lebensraumklassifikationen die grossräumigen Muster alpiner Gebiete korrekt wiedergeben, die für alpine Landschaften typische Fein- und Übergangsdifferenzierung jedoch nur begrenzt erfassen (Abbildung 36). Besonders die Grünlandtypen, Zwergsträucher, Einzelgehölze, prozessgeprägten Kleinstrukturen und klimatisch beeinflussten Übergänge treten im Gelände deutlich differenzierter auf, als es die Kartierungen abbilden.
Damit wird sowohl ein gezielter Erweiterungsbedarf bei den bestehenden Klassen sichtbar als auch die Notwendigkeit datengetriebener Ansätze und höher aufgelöster Geodaten, um alpine Lebensräume für die Ökologische Infrastruktur adäquat abzubilden. Besonders die häufigen graduellen Übergänge und das kleinteilige alpintypische Mosaik können nur dann sinnvoll integriert werden, wenn auch die räumliche Genauigkeit der Geodaten diese Auflösung leistet. Für viele Detailklassen der Grasländer war dies in den bestehenden Datensätzen nicht der Fall.
Schlussfolgerungen
Die Auswertungen der vorhandenen Geodaten, die ergänzenden Clustering-Analysen und die Feldbegehungen haben deutlich gezeigt, dass sich die alpinen Räume in ihrer ökologischen Ausprägung grundlegend von anderen Landschaftsräumen der Schweiz unterscheiden. Nirgendwo sonst wechseln Umweltbedingungen, Vegetationsformen und standörtliche Faktoren auf so engem Raum derart ausgeprägt. Diese Besonderheiten führen zu einer hohen Dichte und Vielfalt alpiner Lebensräume, die sowohl für die Biodiversität als auch für die Ökologische Infrastruktur von zentraler Bedeutung sind. Mit den folgenden Anpassungen kann diesen alpinen Spezifika angemessen Rechnung getragen werden.
Methode bestätigt
Die bestehende Methode für die Kartierung der ÖI-Lebensraume hat sich im alpinen Raum als grundsätzlich tragfähig erwiesen. Die grossräumigen Muster, die für alpine Verhältnisse relevant sind, werden mit genügender Sicherheit und konsistent abgebildet. Für Fels- und Offenflächen sowie Gewässerklassen ist sowohl die thematische als auch die räumliche Auflösung ausreichend, um die zentralen Strukturen und Funktionen im alpinen Raum zuverlässig zu erfassen. Besonders bei dynamischen Offenflächen zeigt sich der Vorteil der satellitenbasierten Kartierung mit ihrer hohen zeitlichen Auflösung.
Der Anpassungsbedarf betrifft daher weniger die Grundmethodik als vielmehr die inhaltliche Spezifität der Vegetations- und Prozessklassen. Gerade alpine Grünländer, Kleinstrukturen, Zwergsträucher und prozessgeprägte Bereiche erscheinen im Gelände deutlich differenzierter, als es die generischen Klassen der bestehenden ÖI-Lebensraumkarte wiedergeben. Die Geodaten sind somit nicht falsch, sondern für bestimmte planerische Fragestellungen zu allgemein gehalten. Für eine präzisere alpine ÖI ist daher eine gezielte Ergänzung erforderlich, jedoch keine grundlegende Neuausrichtung.
Relief bestimmend
Die ausgeprägte Reliefvielfalt der Alpen führt dazu, dass Umweltbedingungen, Vegetationsformen und Standortfaktoren bereits auf kleinsten Distanzen stark variieren. Diese raum-zeitliche Heterogenität ist ein zentrales Merkmal alpiner Lebensräume – und sie bestimmt unmittelbar, wie präzise Lebensräume erfasst und kartiert werden sollen.
Gerade im Grünlandbereich zeigen die Feldbegehungen, dass kleinräumige Mosaike und graduelle Übergänge zwar ökologisch hoch relevant sind, kartografisch aber nur dann zuverlässig abgebildet werden können, wenn die räumliche Genauigkeit der Daten die erforderliche Auflösung tatsächlich leisten kann. Dies ist bei den detailliertesten Graslandklassen nicht durchgehend gegeben, weshalb eine sinnvolle Generalisierung notwendig bleibt.
Damit wird deutlich, dass zwischen thematischer Detailgenauigkeit und räumlicher Unsicherheit ein grundlegender Trade-off besteht. Eine zu starke Differenzierung führt in alpinen Räumen schnell zu instabilen oder methodisch nicht belastbaren Klassen, während eine angemessene Generalisierung robuste und planerisch verlässliche Ergebnisse ermöglicht. Dies unterstreicht, dass alpine ÖI-Klassen zwar spezifisch sein müssen, aber nur in dem Umfang, den die Datenqualität zuverlässig tragen kann.
Keine Inventarflächen
Die Analysen haben deutlich gezeigt, dass Inventarflächen keine geeigneten Basisdaten für die Ableitung von Lebensraumklassen sind. Inventare bilden Schutzobjekte ab, nicht die flächendeckende Bodenbedeckung. Sie beruhen auf konsolidierten, teils älteren Abgrenzungen, variieren in ihrer Aktualität und erfassen häufig nur den ökologisch wertvollsten Kern eines Standorttyps. Dadurch weichen sie systematisch vom tatsächlichen, heute vorhandenen Lebensraumangebot ab.
Für die Ökologische Infrastruktur ist jedoch die reale und aktuelle Bodenbedeckung entscheidend. Inventarflächen müssen daher zwingend durch flächendeckende, datenbasierte Geodaten ersetzt werden. Dies gilt besonders für die Feucht- und Trockengrünländer, die in den bisherigen ÖI-Lebensräumen mangels aktueller Daten über Inventarobjekte abgebildet wurden. Sie müssen zwingend durch zeitgemässe, flächendeckende Kartierungen ersetzt werden. Mit den verfügbaren Graslanddaten ist das möglich.
ÖI spezifisch
Für die Ökologische Infrastruktur ist eine Grundklassifikation erforderlich, die sowohl die methodischen Anforderungen erfüllt als auch ein auf die ÖI ausgerichtetes Management mit Planung, Umsetzung und Erfolgskontrolle ermöglicht. Dies umfasst eine einheitliche Struktur, eine ausgewogene Anzahl Klassen, eine konsequente Ausrichtung auf die relevanten ÖI-Teilebenen sowie eine robuste kartografische Ableitbarkeit. Aus diesen Gründen ist TypoCH in ihrer Gesamtheit keine geeignete Grundlage für die ÖI: Die Klassifikation ist thematisch sehr breit, weist je nach Hauptgruppe unterschiedliche Detail- und Skalentiefe auf und ist teilweise nutzungsorientiert aufgebaut. Damit fehlt ihr jene funktionale Klarheit, die für die ÖI zentral ist. Eine ÖI-spezifische und inhaltlich ausgewogene Klassifikation, wie sie die Lebensräume ÖI darstellen, sind beizubehalten.
Dies bedeutet jedoch nicht, dass einzelne Elemente aus der datenmässigen Umsetzung der TypoCH-Lebensräume unberücksichtigt bleiben müssen. Insbesondere die modellierten Grasländer stellen eine wertvolle Ergänzung dar und können gezielt in die ÖI-Lebensraumklassierung integriert werden, ohne deren Grundstruktur zu verändern.
Unabhängig davon hat sich gezeigt, dass eine Klassierung, die sich ausschliesslich auf den alpinen Raum beschränkt, ungeeignet wäre. Die Alpen bilden ein ökologisch bedeutendes Rückgrat der kantonalen ÖI und fungieren zugleich als Refugium für zahlreiche Lebensraumtypen. Entsprechend müssen alpine und nicht-alpine Räume vergleichbar erfasst werden, um eine konsistente ÖI-Planung auf kantonaler Ebene sicherzustellen.
Grasländer verbessern
Die Grasländer müssen also detaillierter ausgewiesen werden können, gleichzeitig dürfen inventarbasierte Klassen nicht länger die Grundlage der ÖI-Lebensräume bilden. Inventare erfassen nur Schutzobjekte und decken das tatsächliche Vorkommen der Grünlandtypen im Gelände nicht flächendeckend ab. Für die ÖI ist jedoch die reale und aktuelle Bodenbedeckung entscheidend.
Die permanenten Grasländer bieten hier eine wesentliche Verbesserung. Sie ermöglichen eine differenziertere Abbildung der Grünlandtypen, ohne auf Inventarflächen angewiesen zu sein. Aufgrund der kartierbaren Unsicherheit und der Resultate der Clustering-Analyse ist eine Nutzung allerdings nicht auf der feinsten TypoCH-Stufe sinnvoll, sondern auf einer aggregierten Ebene, die einem robusten Lebensraumtyp entspricht.
Für eine konsistente kantonale Umsetzung sollen die Grünlandklassen weiterhin primär über Fernerkundungsdaten abgeleitet werden. Wo modellierte permanente Grasländer verfügbar sind, sollen diese die bestehende Kartierung ersetzen. Eine allfällige Generalisierung ist zu prüfen, muss jedoch kantonsweit einheitlich erfolgen, um eine vergleichbare und planerisch belastbare ÖI-Kartierung sicherzustellen.
Kleingehölze optimieren
Für Gehölzstrukturen im alpinen Raum besteht Optimierungspotenzial in zwei Bereichen. Erstens ist zu prüfen, ob die Mindestflächengrössen der ÖI-Lebensräume angepasst werden können, damit auch kleinräumige Baumgruppen, Einzelbäume und gehölzdominerte Übergänge erfasst werden. Diese Strukturen sind ökologisch relevant, fallen jedoch in der aktuellen Kartierung häufig unter die Auflösungsgrenze.
Zweitens sollten – analog zu den Grünlandtypen – auch die Modellierungen von Sträuchern und Gebüschen berücksichtigt werden, welche der TypoCH-Lebensraumkarte zugrunde liegen. Diese bieten eine thematisch differenziertere Abbildung von Zwergsträuchern und Gebüschen und können die ÖI-Klassifikation gezielt ergänzen.
Prozesse einbeziehen
Prozesse sind ein charakteristisches Merkmal des alpinen Raums: Lawinenzüge, Murgänge, Hangrutschungen oder die Verschiebung der Vegetationsgrenzen prägen viele alpine Lebensräume dauerhaft. Diese Prozesse sind räumlich und zeitlich hoch variabel und lassen sich nur schwer in einem statischen Geodatensatz erfassen. Zwar wäre es denkbar, bestimmte Übergangs- oder Störungsbereiche gesondert auszuweisen, doch die Erfassungsunsicherheit ist zu gross, um dies robust und kantonsweit konsistent umzusetzen.
Statt einzelne Prozessflächen kartografisch abzubilden, sollten dynamische Prozesse thematisch in die ÖI integriert werden. Prozesse sind eng an Übergänge zwischen Bodenbedeckungen oder an zeitliche Veränderungen von Lebensräumen gebunden – genau diese Aspekte können in der Planung und Bewertung der ÖI berücksichtigt werden, ohne sie als eigene, unsichere Geometrien auszuweisen.
Analog zum Artenschutz liesse sich perspektivisch ein „Prozessschutz“ denken, der nicht auf statischen Flächen, sondern auf der Sicherung der natürlichen Dynamik basiert. Damit würden alpine Prozesse in die ÖI eingebunden, ohne die planerische Grundlage mit räumlich instabilen Klassen zu überfrachten.
Grenzen anerkennen
Die Clustering-Analysen haben deutlich gezeigt, dass sich die thematische Detailtiefe der Lebensräume nicht beliebig erhöhen lässt. Zwar ermöglichen hochauflösende Satellitendaten und datengetriebene Verfahren die Erkennung fein abgestufter Muster, doch stossen sie im alpinen Raum rasch an methodische Grenzen: Kleinräumige Unterschiede sind ökologisch relevant, methodisch jedoch häufig nicht stabil genug, um als eigenständige Klassen geführt zu werden.
Eine höhere Anzahl Cluster führt dementsprechend nicht zu einem fachlichen Mehrwert. Mit zunehmender Auflösung steigen vielmehr die räumliche Unsicherheit und die Unschärfe der Grenzen, insbesondere in Übergangsbereichen. Die Ergebnisse unterstreichen damit, dass die ÖI-Lebensräume auf einer ausreichend generalisierten, robusten Ebene gehalten werden müssen und Differenzierungen gezielt nur dort erfolgen sollen, wo sie durch Daten und Gelände klar getragen werden.
Die ÖI benötigt folglich nicht maximale, sondern optimale Differenzierung: so viel Detail wie fachlich notwendig, aber so wenig Komplexität wie möglich. Daraus folgt auch, dass zum jetzigen Zeitpunkt keine alpinspezifischen zusätzlichen Klassen eingeführt werden sollten – die aktuelle Systematik bleibt tragfähig, sofern sie punktuell ergänzt wird.
Ausblick
Die Pilotstudie hat gezeigt, dass der alpine Raum für die Ökologische Infrastruktur von herausragender Bedeutung ist – sowohl als Rückzugsraum zahlreicher Arten und Lebensräume als auch als dynamisches System, das durch Relief, Klima und Prozesse aussergewöhnlich geprägt ist. Die bestehenden ÖI-Grundlagen bilden diese Vielfalt grundsätzlich solide ab, stossen jedoch genau dort an ihre Grenzen, wo alpine Besonderheiten eine differenziertere Betrachtung erfordern.
Die vorgeschlagenen Weiterentwicklungen – die präzisere Erfassung der Grünländer, die gezielte Ergänzung der Gehölzstrukturen, der Verzicht auf inventarbasierte Klassen, die Integration prozessualer Aspekte sowie die Nutzung spezifischer TypoCH-Elemente – ermöglichen eine ÖI, die den alpinen Gegebenheiten fachlich gerechter wird und planerisch verlässlich bleibt.
Die dargestellten methodischen Erkenntnisse sind nicht als abschliessend zu verstehen. Vielmehr bilden sie einen aktuellen Stand, der sich mit den fortschreitenden Möglichkeiten der Fernerkundung, neuen Sensor- und Datenquellen sowie der zunehmenden Erfahrung aus der praktischen Anwendung weiterentwickeln wird. Technologische Verbesserungen, verfeinerte Modellierungsansätze und Rückmeldungen aus Planung und Vollzug können wesentlich dazu beitragen, die ÖI-Klassifikation und ihre räumliche Umsetzung schrittweise zu präzisieren.
Damit wird die Ökologische Infrastruktur zu einem lernenden System: fachlich fundiert, methodisch robust und offen für kontinuierliche Verbesserungen. Eine solche Weiterentwicklung erlaubt es, die Besonderheiten der alpinen Räume zunehmend genauer abzubilden und die Grundlage für ein wirksames, langfristig tragfähiges ÖI-Management zu stärken.
Nategra•Nydeggstalden 30•3011 Bern•www.nategra.ch
Fußnoten
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